Ich will sein, anders kann ich nicht sein

Heute vor 10 Jahren verstarb einer der größten deutschen Gegenwarts- und Populärmusiker. Rio Reiser, mit bürgerlichem Namen Ralph Christian Möbius. Geboren am 9. Januar 1950 in Berlin, war seine Kindheit geprägt von dem ständigen Umziehen mit seiner Familie (sein Vater war Ingenieur bei der Siemens AG). Bedingt durch diesen Umstand konnte sich Rio nie an einem Platz heimisch fühlen und suchte sich schon als Jugendlicher die Musik als Platz, an dem er für sich ein zuhause fand.

Von Anfang der 70er Jahre bis Mitte der 80er spielte Rio in der Band “Ton Steine Scherben”, dessen Mastermind er auch war. Mit Liedern wie “Keine Macht für Niemand” und “Macht kaputt, was euch kaputt macht” wurden die Scherben die musikalische Speerspitze der deutschen Linken. Die sozialkritischen und politischen Lieder waren aber auch immer von einer beeindruckenden Emotionalität Rios geprägt und zeigten, dass die Verwurzelung und Auseinandersetzung mit den Themen ein wirkliches Anliegen der Scherben waren.

Anfang September 1970 traten sie auf dem Love and Peace Festival auf Fehmarn auf, auf dem voher Jimi Hendrix sein letztes Konzert vor seinem Tod gegeben hatte. Durch einen Brand, der zum Abbruch des Konzerts führte (zornige Tourhelfer hatten diesen gelegt, da der Veranstalter mit der Tageskasse abgehauen war), wurden die Scherben schlagartig berühmt.

Die Musik der Scherben war wegweisend für viele nachkommende, vor allen Dingen deutsche Gruppen, da sie sowohl inhaltlich, als auch musikalisch neue Wege beschritten. Seine musikalischen Wurzeln sah Rio in der Beatmusik. Die Scherben waren strömungsweisend für Rock- und besonders Punkbands. Der Ansatz der Scherben war, politische Themen dem einfachen Volk näher zu bringen, die Jugend mit der Thematik zu beschäftigen, so dass eine Willensbildung entstehen konnte, die auf einer Auseinandersetzung mit der Politik und der Strömungen fußte.

Viele Bands coverten auch Songs der Scherben, so wie Jan Delay, Klaus Lage, Marianne Rosenberg, Rocko Schamoni, Echt, Slime, Freundeskreis, Xavier Naidoo, Wir sind Helden, Die Ärzte, WIZO, Die Prinzen, Joachim Witt u.a.

Im Jahr 1982 stieß Claudia “PC” Roth zu der Band und managte diese im Folgenden. 1985 trennte sich die Band auf Grund persönlicher Differenzen, allgemeiner musikalischer Stagnation und wegen Überschuldung.

Nach diesem Schnitt wandelte Rio dann auf Solopfaden und brachte es in kurzer Zeit zu weiterer Bekanntheit und Berühmtheit, die auch eine stärkere Kommerzialisierung mit sich brachte. Diese wurde von den “echten” Scherben-Fans missbilligt und stark kritisiert. Seinem künstlerischem Schaffen tat dies aber keinen Abbruch, schaffte es Rio doch die deutsche Popmusik wieder zu beleben und eine neue Identität zu geben. Dieser Einfluss ist bis heute merklich spürbar, viele heute populären Bands, dürfen ihre Akzeptanz und Berühmtheit Rio verdanken, da er einen Weg geebnet hat, der es für die nachfolgenden Künstler einfacher gemacht hat akzeptiert zu werden. Deutsche Musik mit deutschen Texten wurde wieder “in”, das Label “Deutsch” war wieder etwas Gutes.

Auch politisch war Rio nicht inaktiv, beteiligte er sich doch stark, um die Popularität der Grünen zu erhöhen. 1990 trat er der PDS bei, was zB zur Konsequenz hatte, dass VIVA seine Videos fortan nicht mehr abspielte. — Was einfach zeigt, wie reaktionär ein Sender, in Person Gornys, ist, der sich mit den Federn der Jugendlichkeit und Aufgeschlossenheit schmücken möchte.
Aus Rios Verständnis heraus, sich immer mit den Schwachen und Unterdrückten zu solidarisieren, eine Art Sprachrohr zu sein, war der Schritt hin zu PDS mehr als nachvollziehbar. Da die Bestimmungen des Einigungsvertrages eine getrennte Fünf-Prozent-Klausel je für das ehemalige Gebiet der Bundesrepublik und der DDR als einmalige Sonderregelung vorsahen, bedeutet es 1990 bei den ersten gemeinsamen deutschen Bundestagswahlen, dass die PDS mit 17 Mandaten in den Bundestag einzog, worauf die Mehrheit der Bevölkerung mehr als ablehnend reagierte.

Am 20. August 1996 verstarb Rio an einem Herz-Kreislauf-Versagen mit inneren Blutungen in seinem Haus in Fresenhagen. Als einzige Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, neben F. J. Strauß, wurde ihm das Recht posthum zuteil auf seinem eigenen Grundstück beigesetzt zu werden. War er einer der größten Kritiker Strauß’, so haben sie im Tod ironischerweise eine Parallele.

Rio war und ist immer noch eine charismatische Persönlichkeit, der viele Menschen fasziniert hat. In seiner Art sein Leben zu leben, seine Aufrichtigkeit in seinen Ansichten, seinem künstlerischen Genie, seinem Anspruch politische Aufklärung zu betreiben wird er vielen im Herzen bleiben. Und das über seine Musik hinaus. Viele seiner Stücke können die Menschen mitsingen, ohne sie jemals bewusst gelernt zu haben. Und das sagt mehr über der Künstler Rio Reiser aus, als jedes Wort, das man dazu sagen oder schreiben kann.

Rio, möge das, wofür du gekämpft und gelitten hast, nicht aus den Köpfen und Herzen der Menschen verschwinden und möge deine Hoffnung, bei den Menschen eine Auseinandersetzung anzustossen, nicht ungehört verhallen.